Die Buchhandlung Perl – Der Wandel einer Buchhandlung seit 113 Jahren

Die Buchhandlung Perl – Der Wandel einer Buchhandlung seit 113 Jahren

Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft – und damit den Einzel- und vor allem den Buchhandel grundlegend. Über die positiven und negativen Aspekte unterhalte ich mich heute mit Dirk Habor, Inhaber der Lüneburger Buchhandlung Perl.

Er ist praktisch in der Buchhandlung seiner Eltern und Großeltern aufgewachsen. Es lag für ihn also nicht fern, das Familiengeschäft, das vom Großvater 1935 übernommen und von seinen Eltern seit den 50er Jahren erfolgreich vergrößert wurde, weiterzuführen.

„Ich war immer neugierig auf alles Neue, und das kann man in einer Buchhandlung gut befriedigen, zumal man selber ja viel lesen ‚muss‘.“

So hat er die vielen Veränderungen erlebt und beobachtet, die vor allem durch die Einführung der EDV und der Digitalisierung im Buchhandel entstanden sind. Eine der bedeutenden Auswirkungen der Digitalisierung beobachtet er vor allem beim Einkaufsverhalten der Kunden. „Menschen gehen nicht mehr in ein Geschäft und fragen dort den Händler: ‚Hast du das, oder kannst du mir das besorgen?‘, sondern sie gehen dorthin, wo sie das Produkt sofort bekommen: ins Internet.“ Der Verkauf von E-Books etwa, die inzwischen in guter Qualität zu erschwinglichen Preisen zu haben sind, hat sich 2013 relativ zum Vorjahr bereits vervierfacht. Ein E-Book ist praktisch, nimmt keinen Platz weg und man kann sich eine Unmenge von Büchern herunterladen, die um weniges günstiger sind als Papierausgaben.

„Übergewicht von Urlaubskoffern adé“ meint Dirk Habor schmunzelnd, „ und man nimmt trotzdem alle Bücher mit, die man im Urlaub gerne lesen möchte. Oder schauen Sie mal das Beispiel eines Kunden, den es für unbestimmte Zeit beruflich nach Argentinien verschlagen hat. Er kommt nicht so schnell an deutsche Bücher, aber er kommt problemlos an die digitalen Ausgaben, die er sich genauso schnell wie in Deutschland kaufen und lesen kann. Und die Möglichkeit, die Schrift zu vergrößern, macht es auch Lesern mit schlechtem Sehvermögen einfacher, ein Buch zu lesen.“

Die Digitalisierung

Schon vor der Digitalisierung des Buches hat es im Handel mit Büchern einige Veränderungen gegeben. Die Lieferung war zum Beispiel schon immer sehr schnell, denn das von Apotheken benutzte Bestellsystem, dass (in großen Städten) bis zu zwei Lieferungen pro Tag ermöglichte, wurde vom Buchhandel übernommen. Vormittags bestellt, entweder persönlich oder per Telefon, nachmittags abgeholt. Die Daten waren per Mikrofilm, „kennen Sie das noch, diese schwarzen Bildschirme mit einer Unmenge von Informationen?“, und später, zu Beginn des Internets, auf Datenbanken vorhanden. Inzwischen braucht man das Buch, dass man gerade eben entdeckt hat, nicht mehr bestellen und auf die Lieferung zwei Tage später warten, sondern hat es in fünf Minuten auf seinem Rechner oder E-Book.

Auch haben sich, wie er beobachtet, durch den digitalen Informationsfluss die Themen verschoben, die in Büchern behandelt werden. Bis vor einigen Jahren wurde ein gesellschaftsrelevantes Thema erst in der Printpresse über verschiedene Stufen behandelt und kam dann als Buch in die Gesellschaft. Durch die große Zugänglichkeit aktueller Themen werden diese medial so ausgeschlachtet, dass es für eine tiefergehende Analyse oder Darstellung durch Sachbücher irrelevant geworden ist. „Es gibt weniger Vertiefung, Themen werden zwar breit, aber flach und sehr schnell abgehandelt. Relevante Gebiete für Bücher sind heute nur noch Belletristik, das politische Sachbuch, so genannte Hobbyliteratur und Kinderbücher. Die sind bisher noch nicht mit farbigen Bildern auf E-Books darstellbar…und wären doch etwas zu teuer, wenn das Kind sein E-Book herunterfallen lassen würde oder es sonst kindlich behandelt. Lexika sind ganz tot.“

Und auch die Belletristik wandelt sich, weg vom Autor, der unabhängig schreibt und dann einen Verlag sucht, der sein Werk verlegt, hin zum digitalen Großverlag, der Autoren exklusiv verpflichtet. Gefunden werden diese Autoren, die durch self-publishing (also das Einstellen ihrer Werke auf öffentliche Plattformen) bekannt und dort gut nachgefragt werden. Aber der Markt wird durch self-publishing leider mit einer Menge Literatur von schlechter Qualität überschwemmt. Jeder, der meint schreiben zu können, kann sein Werk veröffentlichen, ohne durch ein Lektorat oder sonstige Korrektur gegangen zu sein. Somit droht der Sprache eine schnelle Verrohung, die durch den klassischen Weg der Veröffentlichung in dem Maße nicht auftreten würde. Leider ist das ein Phänomen, das ebenfalls im modernen Journalismus beobachtet wird.

Zu dieser geringeren Qualität von veröffentlichten Texten kommt noch die Tatsache, dass Texte für digitale Medien einfacher geschrieben werden müssen, um besser aufgenommen werden zu können. Das Lesen an klassischen Computerbildschirmen ist anstrengender für das Auge, als das von gedruckten Medien (oder E-Books). Zusammengenommen wirkt sich dieses negativ auf das Verständnis von Sachverhalten jeglicher Art aus: es ist zunehmend geringer geworden.

„Was auch total fehlt, ist natürlich das Haptische, der Geruch eines neuen Buches und dieses sensationelle Gefühl, ein neues Buch aufzuschlagen. Das hat schon was! Und so ein E-Book braucht auch noch Strom. Das sollte man bedenken.“

Einen weiteren Nachteil der Buchdigitalisierung sieht Dirk Habor auch aus der Unternehmersicht. Es gibt weniger Verkaufsmöglichkeiten und somit geringere Chancen für Bücher, die nicht gerade auf den Bestsellerlisten zu finden sind. Verlage präsentieren natürlich im Internet vor allem Bücher, die stark nachgefragt werden. Nischenprodukte werden kaum präsentiert und es gibt ohne Buchhandel nicht mehr die Möglichkeit zu stöbern und so vielleicht auf Bücher zu stoßen, die das Interesse des Lesers wecken.

Auch sieht er die Gefahr der Manipulation durch ein geringeres Angebot. Es ist bekannt, dass im Web die Interessen eines Nutzers ausgewertet und ihm Produkte und Themen präsentiert werden, für die er sich bereits interessiert hat. Interessiert sich ein Nutzer für ein bestimmtes Buch in einem einschlägig bekannten Internet-Buchhandel, wird ihm zur passenden Thematik immer wieder neues angeboten. Informiert man sich allgemein über ein bestimmtes Produkt oder ein Thema, wird es einem ununterbrochen und ungewollt, z.B. durch Werbeeinblendung, präsentiert.

Durch diese moderne Reizüberflutung ist der Durchschnittskunde inzwischen auch durch ein großes Angebot in Buchhandlungen überfordert. Auch nimmt die Lesebereitschaft stark ab. Ein gutes Durchschnittsbuch, z.B. ein „Roman der Mittelklasse“, wird immer weniger nachgefragt. Die Aufmerksamkeitsspanne und Geduld, ein umfangreicheres Buch zu lesen, ist durch die Schnelllebigkeit, das ständige Abgelenkt sein durch die virtuelle Welt geschrumpft.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch die Buchhandlung Perl auf diese Veränderung ausrichtet: ab 2014 wird sie als Online-Handel weitermachen. Dirk Habor sieht die Zukunft für die Buchhandlung vor allem als klassischen Spezial-Buch-Versand, der vor allem Institutionen, Unternehmen und größere Einrichtungen bedient. „Das Konzept des Einzelhandels funktioniert, für den Moment, nicht mehr. Vielleicht wird sich diese Strömung in Zukunft wieder umdrehen und der spezialisierte Einzelhandel wieder aufblühen,“ hofft Dirk Habor. „Aber die genaue Ausrichtung wird die Zeit mit sich bringen.“ Wandlungsfähig bleiben, heißt seine Devise.

Sein Wunsch an die Zukunft ist beinahe selbstredend: „Ich wünsche mir, dass mich das gedruckte Buch noch möglichst lange begleitet.“ Und das wünsche ich mir, die den Geruch und das Blätterrascheln eines frisch aufgeschlagenen Buches und ihre Morgenzeitung liebt und ihren Bücherschrank nie aufgeben wird, auch! Denn in der Journalistik wird der gedruckten Zeitung bald schon das Schicksal eines Luxusgutes zugeschrieben.

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