Die Mutter des Landesturnfestes und Mitbegründerin der Lüneburger Lebenshilfe

Die Mutter des Landesturnfestes und Mitbegründerin der Lüneburger Lebenshilfe

Elisabeth (Lia) Maske war die erste Lüneburger Lehrerin mit wissenschaftlicher Abschlussprüfung und  engagierte Turnerin. Vielleicht ist Ihnen ihr Name ja schon irgendwie begegnet, wenn Sie „Raabe-Schüler“ waren oder selber beim MTV Lüneburg aktiv sind.

Denn Lia Maske war die Vertreterin der Turnerinnen beim MTV bis 1932. Ihre Nachfolgerin ist die bedeutende Lüneburgerin, die ich heute vorstellen möchte. Wir bleiben also in der Zeitfolge und sehen, was nach und zum Teil parallel zu Lia Maskes Wirken geschah.

Unsere gesuchte Lüneburgerin wurde 1899 geboren. Möglicherweise war sie Schülerin von Elisabeth Maske und anschließend ihre Kollegin für 2 Jahre, denn sie wurde Lehrerin aus Berufung und Tradition. Ihr Vater war bereits Mittelschullehrer und so besuchte sie ebenfalls das Lehrerseminar.  Jedoch reichte ihre Ausbildung für die Höhere Töchterschule, die mit den gewachsenen Ansprüchen an die Lehre und Ausbildung von Mädchen mitging, nicht mehr aus und sie wurde an die Grundschule versetzt. Mit einer Weiterbildung zur Sonderschullehrerin ging sie dann 1924 an die 1900 in Lüneburg gegründete Hilfsschule. Dieser Entschluss sollte einen großen Einfluss haben auf die jetzige Lüneburger Situation im Sozialbereich.

Genau wie ihre Vorgängerin war unsere Lehrerin, wie ich es schon angedeutet hatte, eine sehr aktive Turnerin. Mitglied seit 1926 beim MTV, wurde sie 1932 die Nachfolgerin von Lia Maske. Die Parallelen zwischen den beiden Frauen waren groß, sowohl beruflich, als auch in ihrem sportlichen Engagement und Einsatz für den MTV. Dank ihres unermüdlichen Einsatzes gelang es dem finanziell am Abgrund stehenden Verein, während der gesamten Zeit des Dritten Reiches zu überleben. Durch die sowohl privaten, als auch politischen Kontakte der überzeugten Nationalsozialistin konnte sie den Übungsbetrieb für Frauen und Kinder während des Krieges aufrechterhalten. Nach dem Krieg baute sie den Verein neu mit auf, obwohl sie sich zunächst nach 1945 von allen Ämtern zurückziehen wollte. So plante und verwirklichte sie auch die vielen, vom MTV organisierten Meisterschaften und großen Sportveranstaltungen  der Nachkriegszeit und das in einer Epoche, als die Kommunikationsmöglichkeiten, aus heutiger Sicht, noch sehr begrenzt waren.

Ihre Einsatzfreude für die Turnerschaft ging später auch über die Lüneburger Grenzen hinaus. So gehörte sie seit  1961 zum Ältestenrat des  Bereichs Niedersachsen und übernahm 1969, kurz vor ihrem Tod, den Vorsitz des örtlichen Hauptausschusses für das 1970 veranstaltete 5. Niedersächsische Landesturnfest. Dieses in Lüneburg stattfindende und von ihr organisierte Fest war für sie der absolute Höhepunkt ihres langen Lebens als Turnerin. Als „Mutter des Landesturnfest“ wurde sie an ihrem 70. Geburtstag gefeiert. Doch sollte sie es selber leider nicht mehr erleben, den sie verstarb 4 Monate vor der Austragung dieses bedeutenden Turnertreffens.

Doch die Arbeit beim MTV war nicht ihre Hauptbeschäftigung. Ihre weitere Kraft schenkte sie täglich  körper- und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen und nahm sich ihrer mit viel Liebe an. Aufgrund ihrer Tätigkeit als Sonderschullehrerin wurde sie während des  Dritten Reichs aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Interessanterweise war sie zwar eine überzeugte Anhängerin des Nationalsozialismus und ein frühes Parteimitglied, jedoch muss sie der Ausführung sämtlicher nationalsozialistischer Ideen ihre deutlichen Grenzen gesetzt haben. Die konsequente Beschäftigung mit behinderten Kindern und Jugendlichen wäre ihr sonst sicher nicht möglich gewesen.

1964 gipfelte ihr Einsatz für diese Kinder in der Gründung des Lüneburger Ortsverbandes der „Lebenshilfe“. Diese 1958 in Marburg von Tom Mutters und seinen Eltern gegründete Einrichtung nahm sich der weiteren Förderung der Jugendlichen nach einer behüteten Kindergarten-  und Schulzeit an, da sie danach keine weitere Fürsorge erhielten. Zunächst erhielten 10 Jugendliche  unter der Leitung von unserer Lüneburgerin und der Frau des Stadtdirektors Gisela Stelljes die Möglichkeit, Arbeitserfahrungen zu sammeln. Doch schnell wurden es mehr und die Stadt stellte das gesamte, nach ihren Tod nach ihr benannte Haus am Kalkberg zur Betreuung und Ausbildung Verfügung. Als es auch hier zu klein wurde, wurde in der Vrestorfer Heide ein Neubau geplant. Auch hier arbeitete unsere Lüneburgerin bis zuletzt noch  an den Plänen mit.

Leider konnte sie die Grundsteinlegung 1975 nicht mehr miterleben, da sie ja bereits 1970 nach einem Unfall, bei dem sie sich einen Arm und ein Bein gebrochen hatte, an einer  Lungenembolie starb. Sie schied plötzlich aus dem Leben, als sie die Lebenshilfe und der MTV eigentlich am meisten gebraucht hätten. Sie, die sich nie Lobreden oder Ehrungen gewünscht hatte, erhielt noch zu Lebzeiten verschiedene Auszeichnungen, darunter das Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen 1. Klasse und (noch) bei der Grundsteinlegung des Neubaus der Lebenshilfe erwähnte der damalige Bürgermeister, dass „Frauen [hier] bewiesen hätten, dass sie etwas auf die Beine stellen können“ (Landeszeitung Lüneburg, 10.1.1975).

Dieses Portrait ist erstellt worden mit Hilfe der Diplomarbeit von Constanze Sörensen: Biographien Lüneburger Frauen. Soziale Bedeutung von Frauen. Lüneburg, 2005

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